Der Literatur-Keller

Vier Meter lang und drei Meter breit, Boden aus gestampfter Erde und unverputzte Wände. Der Weinkeller in unserem Bauernhaus ist unscheinbar, hat aber maßgeblich die Karriere eines der bekanntesten Südtiroler Literaten beeinflusst. Kurt Lanthaler, der Autor der "Tschonnie Tschenett"-Krimis, hat im Ohnewein-Keller festgestellt, dass der Ohnewein so ganz ohne Wein doch nicht ist.

Die kahle Glühbirne aus Kurt Lanthalers Weinreich/Ohnewein-Prinzip
Die kahle Glühbirne aus Kurt Lanthalers Weinreich/Ohnewein-Prinzip

Die Besuche im Keller haben Kurt Lanthaler zum siebenteiligen Traktat "Das Weinreich/Ohnewein-Prinzip" inspiriert, das 2004 im Buch "Südtiroler Wein Lesen" erschienen ist.

 

 

Vom Milchholen und Weintrinken

Das Weinreich/Ohnewein-Prinzip (1)

Man entkommt seinem Schicksal ja nicht. Das zum Beispiel ja so aussehen kann: Da zieht man mit fünf Jahren von der Stadt aufs Land (naja, wird mitgezogen), mitten in eine Weingegend. Und hat alsbald zu lernen, daß Namen Schall und Rauch sind. Was, vom noch zu erwartenden Restleben her gesehen, eine durchaus sinnvolle Lektion ist.

Denn da heißt der eine im Dorf Weinreich und der andere Ohnewein. Wirklich und wahr.

Geben wir dem Fünfjährigen zwei, drei Jahre ´, um das Wort Wein zu begreifen, im Ansatz, wenigstens, und geschäftsfähig zu werden.

Und geschäftsfähig bedeutet in diesem Zusammenhang, dass er im Auftrag Dritter in die Tausch- und Weinwirtschaft eintritt, was, verkürzt rapportiert, folgendermaßen aussieht: er trägt dir familiär-organischen Abfälle (vor Ort Gschpuala genannt) in einem Kübel zur Sau des nächstliegenden Bauer, bekommt im Gegenzug Eier und Milch anvertraut und versucht, sie unversehrt nach Hause zu bringen. (Daß die Welt schon längst nicht mehr perfekt, die Tausch- schon längst zur Geldwirtschaft geworden ist und also monatlich die Ohnewein-Bäuerin Milch- und Eiergeld bekommt wie die Sauen die Gschpuala, sowas begreift man erst Jahre später und schon ist man erwachsen.

Daß der Bauer Ohnewein aber ein Weinbauer ist, eigentlich, trotz der Sau, der Kuh und der Hennen seiner Frau und vor allem trotz seines Namens, das begreift man erst, als der Bauer Ohnewein eines Tages an der Kellertür steht und sagt Komm mit, Bub. Und schon liegen Milch und Eier in der Ecke und schon geht’s hinter Bauer Ohnewein die steile Kellerstiege hinunter ins dunkle Loch, dann geht die kahle Glühbirne an und beleuchtet eine geheimnisvolle Welt, und schon ist da dieser ganz neue Geruch im Raum und dann ist da das rote Glas und man hat es getrunken und man weiß ab jetzt: das ist Wein. (Später wird man noch mehr wissen, und noch später wird man alles wieder ganz vergessen haben.) Das eine aber ist damit klar: daß der Ohnewein so ganz ohne Wein doch nicht ist.

Und es dauert nicht mehr lange, bis man begriffen hat, daß die Weinreich keinen Wein haben und die Ohnewein eben doch und schon hat man alles begriffen, was von diesem Leben zu begreifen ist.

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